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Berufstaucher

Der falsche Tresor

Text und Fotos von Roland Hanewald (4/98)

 

Viele Jahre habe ich getaucht, den größten Teil davon auf den Philippinen, einem Land, in dem nicht weniger als 30 Wracks spanischer Schatzgaleonen liegen. Von manchem Abenteuer kann ich berichten, traurigen und lustigen. Unter den lustigen schießt die Sache mit dem Tresor mit Sicherheit den Vogel ab. Ein witzigeres Taucherlebnis hat es bestimmt auf der ganzen Welt nicht gegeben ...

Die Geschichte spielt in den Gewässern der Straße von San Bernardino, die die Inseln Luzon, die größte der Philippinen, und Samar, die drittgrößte, trennt. Wir schreiben - lang ist's her - das Jahr 1968, in dem ich als Gerätetaucher einer Wracksuchexpedition des philippinischen Nationalmuseums zugeteilt bin. "Vitamin B" hat dies möglich gemacht.

Da liegen wir also mit einem Marinefahrzeug in jener Meerenge und haben wenig Anlass, uns des trotz Strömung glasklaren und blitzblauen Wassers zu erfreuen, denn es gibt fast nichts zu beißen an Bord. Rätselhaft, wie sich die philippinische Regierung damals eine funktionsfähige Marine vorstellte - jedenfalls muss die Crew fast ausschließlich durch die Unterwasserjagd ernährt werden. Die reißt anno `68 noch keine großen Lücken in die Natur; die Gewässer quellen geradezu über vor Fisch, überall herrschen paradiesische Verhältnisse.

Wir waren hinter den silbernen Millionen der spanischen Galeone "Encarnacion" her, die dort im Jahre 1649 ihr Ende gefunden haben soll. Einheimische Taucher, primitivst ausgerüstet, doch bei der Wracksuche effizient wie Spürhunde, hatten mehrere Seemeilen vor der Stadt Bulan in 42 Meter Tiefe ein von den Strömungen annähernd flach geplättetes Wrack ausgemacht, das die Fachleute flugs diesem Schatzschiff zuordneten, und darin wühlen wir jetzt herum.

Die Strömung in der San-Bernadino-Straße kann bis zu acht Knoten betragen. Der United States Coast Pilot for the Philippine Islands sagt dazu: "Die Rinne weist zahlreiche Strudel und Gezeitenwirbel auf. Das Wasser scheint von unten emporzukochen; manche Wirbel sind in der Mitte mindestens einen Fuß höher als am Rand..." Und als der 5 300 Bruttoregistertonnen-Frachter "Silverhazel" 1935 in der Passage Schiffbruch erlitt, berichtete die Associated Press: "Von Rettungsfahrzeugen ausgesandte Boote wurden von den Gezeitenwirbeln und der schweren See in der Straße von San Bernadino umhergeworfen und mussten umkehren." Dies ist der Schauplatz meines ersten professionellen Einsatzes. Anheimelnd. An Land sind acht Knoten "ein Klacks": rund 14 km pro Stunde.

Unter Wasser ist dies eine fetzende Geschwindigkeit, die die Luftblasen waagerecht davonträgt und nicht eine einzige unaufmerksame Sekunde zulässt. Die Signalleinen strammen sich in flachen Winkeln, und an ihnen hängen vibrierend die über hookah rigs atmenden Unterwasserwerker. Immer wieder schleift der alte Minensucher seine Anker und gerät in der turbulenten Passage ins Treiben. Die Taucher haben ihre bittere Not, den Anschluss an den Tender zu bewahren.

Als die Lage - buchstäblich - unhaltbar wird, lässt der Kommandant des Bauamtes einer nahen Stadt eine permanente Verankerung schaffen: einen Stahlbetonklotz von rund anderthalb Metern im Kubik und mit einem soliden Ring versehen. Dieser Block wird auf das Wrack versenkt, und hinfort haben die Taucher es etwas leichter. Im Laufe der Zeit gelingt es, die Anker des Schiffes sowie diverse Objekte zu bergen, die später im Museum von Manila ihren Platz finden (und sich von dort allmählich in die Hände privater Interessenten "verflüchtigen").

Die Anker beweisen bereits, dass es sich um ein relativ neuzeitliches Wrack handeln muss, und als schließlich sogar eine Namensplatte mit der Inschrift "-verpool 187-" gefunden wird, ist der Galeonentraum aus. Die Arbeiten werden abgebrochen, und der Zementklotz - zu schwer zum Heben - bleibt, wo er ist. Wir blättern jetzt viele Jahre weiter. Ich sitze in Manila mit Dempsey Pagan zusammen, einem Amerikaner, der auf den Philippinen eine Bergungsgesellschaft gegründet hat und den Archipel nach gesunkenen Schatzschiffen durchforscht. Nach einem Anfangserfolg, dem Fund einer porzellanbeladenen Dschunke, war er 1982 auf ein Wrack in der San-Bernadino-Straße aufmerksam geworden, und "Demps" hat eine große Expedition ausgerüstet, um es zu bearbeiten.

Als erstes stechen den Tauchern vor Ort die Konturen eines wuchtigen, blockartigen, halb im Sand versunkenen Gegenstandes ins Auge. Erregung breitet sich aus. Die Männer hacken an dem korallen- und algenbewachsenen Klotz herum und geraten an eine zementartige Masse - zweifellos, so wird kalkuliert, ein kalzifizierter Überzug auf einem darunterliegenden metallischen Objekt, das die Unterwassersonden zum Ticken bringt und das folglich Wertvolles zu enthalten verspricht. Der Tresor der "Encanacion"! In aller Stille leitet Pagans Gruppe Bergungsarbeiten ein, um den Schatz zu heben. Oh, mir braucht er nicht zu erzählen, was die Jungs in der Strömung der Passage alles durchleiden müssen, bis der tonnenschwere Block geborgen ist!

Nach vielen Tagen härtester Arbeit wird er schließlich bei Bulan auf den Strand gezogen. Dort steht schon Kokoy Romualdez, der Bruder von Imelda Marcos, der per Hubschrauber eingeschwebt ist. Begleitet wird er von einem bis an die Zähne bewaffneten Kontingent von Soldaten - vorgeblich, um den goldenen Segen zu bewachen, in Wahrheit jedoch von der Sorge getrieben, dass nicht etwa der philippinische Fiskus den Löwenanteil erhält, sondern der liebe Schwager Ferdinand, der noch am Ruder ist und, wie sich einige Jahre später herausstellt, Gold und Silber sehr zu schätzen weiß.

In atemloser Spannung beginnen Hämmerarbeiten an dem Klotz. Seltsam, er hat keine Tür. Je tiefer die Meißel in sein Inneres eindringen, desto klarer wird, dass das ganze Ding nur aus Zement und einigen Moniereisen besteht. Kokoy Romualdez besteigt naserümpfend seinen Helikopter und flattert davon. Demps und seine Taucher greifen sich an den Kopf. Verflixt und zugenäht! Wie ist dieser tausendmal vermaledeite Zementklotz auf das Wrack geraten? "Weißt du es?" fragt mich Demps etwa in dem Tonfall, in dem sich jemand nach der Entstehung des Universums erkundigt. "Ja", sage ich schlicht. "Ich habe ihn dort mit hingepackt." Demps fällt der Unterkiefer hinab. "Du?" Und ich erzähle ihm die ganze Geschichte. Eine Zeitlang lässt sich nicht absehen, ob Demps lachen oder weinen will.

Doch dann explodiert er förmlich vor Gelächter. "Komm!", prustet er. "Lass uns einen trinken auf unseren Tresor!" Und das taten wir auch. Ausgiebig. Ich muss dieser Episode hinzufügen, dass Demps sich auf meine Enthüllungen hin unverzüglich mit Dienststellen in England in Verbindung setzte, um mehr über seinen blamablen Fund in Erfahrung zu bringen. Wenig später hat er es vom Customs House in Liverpool und der Consortium Salvage Ltd, einem privaten Bergungsunternehmen in London, schwarz auf weiß: Das "Tresorwrack" ist ohne jeglichen Zweifel das der "Taurida", ein 1874 in Liverpool erbautes Dampfschiff mit zwei Maschinen und 875 Bruttoregistertonnen, das auf den Philippinen verloren ging.

Zumindest eines der zahllosen Wracks in der San-Bernadino-Straße ist damit identifiziert. Aber das hat ein ganz schönes Stück Arbeit gekostet. Die "Encarnacion" wurde übrigens, wie weitere Nachforschungen ergaben, von den Spaniern seinerzeit auf den Strand gesetzt und ihre Ladung bis auf das letzte Achterstück geborgen.


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