DIE PROFITAUCHER - Jürgen Hock - Grootkoppel 29 - 23558 Lübeck - Germany
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Biologie und Medizin

Das Offene Foramen Ovale

Quelle: DIe Profitaucher 1/98

Statistiken des Diver's Alert Network (DAN) belegen, dass bei ca. 50% aller Dekompressionsunfälle kein Verstoß gegen die vom Computer oder von der Tabelle vorgegebenen Austauchregeln vorgelegen hat.

 

Zur Erklärung dieser und anderer Unfälle wird nach individuellen Risikofaktoren geforscht, denen nach heutigem Wissen eine nicht unerhebliche Bedeutung zukommt. Defekte der Herzscheidewände werden zu diesen Risikofaktoren gezählt und in den letzten Jahren haben mehrere Veröffentlichungen immer wieder für großes Aufsehen sowie eine beträchtliche Verunsicherung unter den Tauchern gesorgt. Im Folgenden soll der aktuelle Kenntnisstand zusammengefasst und daraus Empfehlungen für die Praxis abgeleitet werden.

Unter normalen Umständen werden Gasblasen, die sich während der Dekompression oft bilden, über Venen zum rechten Herz transportiert und von dort mit dem Blutstrom in die Lunge gepumpt, wo sie herausgefiltert werden. Das enthaltene Gas wird abgeatmet. Es gelangen keine Blasen in das linke Herz und die Arterien, die in diesem Fall gasblasenfreies Blut zu den Organen transportieren.

 

Was ist ein offenes Foramen ovale und wie oft kommt es vor?

In der Lebensphase nach der Geburt liegt eine komplette Trennung des rechten und linken Herzens vor, so dass der Lungen- und Körperkreislauf strikt hinter einander geschaltet sind. Während der Embryonal- und Fetalzeit ist dies anders, da die Lunge noch nicht ihrer Atemfunktion nachgeht und die Sauerstoffversorgung über die Plazenta (den sog. "Mutterkuchen") erfolgt.

Der Lungenkreislauf ist somit überflüssig und gewinnt erst ab dem ersten Atemzug nach der Geburt Bedeutung. Mehrere Kurzschlüsse sorgen daher im Mutterleib dafür, dass die überwiegende Blutmenge an der Lunge vorbei in das linke Herz und den Körperkreislauf geleitet wird.

Hierzu gehört auch eine Öffnung zwischen dem rechten und linken Herzvorhof, die auf Grund ihres Aussehens Foramen ovale (= "ovales Loch") genannt wird. Diese Öffnung verschließt sich normalerweise innerhalb des ersten Lebens­jahres, bleibt aber bei ca. 30% aller Menschen offen.

 

Ein offenes Foramen ovale stellt einen potentiellen Kurzschluß zwischen dem rechten und linken Herzvorhof dar, durch den Blasen in das linke Herz und die Arterien gelangen können. Letztere können die Gasblasen in jedes Organ verschleppen. Der Kurzschluß wird jedoch nur dann in der dargestellten Weise wirksam, wenn der Druck im rechten Herzvorhof den üblicherweise höheren Druck im linken übersteigt.

 

Ist ein offenes Foramen ovale gefährlich?

In der Regel geht von einem offenen Foramen ovale an sich keine Gefahr aus, da es durch den im Vergleich zum rechten Vorhof höheren Druck im linken Vorhof durch eine Gewebs­brücke gleichsam zugedrückt wird und keinen Blutübertritt er­laubt. Wenn aber der Druck im rechten Vorhof den im linken übersteigt, kann Blut und unter Umständen auch anderes Ma­terial das Foramen ovale passieren. Worin liegt die besondere Be­deutung für Taucher?

Wir wissen durch Ultraschalluntersuchungen der Gefäße nach Tauchgängen heutzutage, daß bei einem erheblichen Anteil korrekt durchgeführter Tauchgänge Gasblasen im venösen Teil des Kreislaufs nachweisbar sind. Diese wer­den jedoch üblicherweise in der Lunge herausgefiltert und das enthaltene Gas wird dort abgeatmet. Daher gelten sie im allgemeinen als ungefährlich. Eine potentielle Gefahr entsteht erst dann, wenn Blasen unter Umgehung der Lunge in den Körperkreislauf gelangen kön­nen. Ein offenes Foramen ova­le stellt eine mögliche Quelle eines solchen Übertritts dar, je­doch muss hierzu die beschriebene Druckerhöhung im rechten Herzvorhof vorliegen.

 

Letztere kann allerdings durch mehrere Faktoren während eines Tauchgangs hervorgerufen werden:

Druckausgleich mittels Valsalva - Pressmanöver Verschiebung von Blut aus den Extremitäten in den Brustraum durch den hydrostatischen Druck im Wasser Kältebedingte Verschiebung von Blut aus den Extremitäten in den Brustraum
Akute oder chronische Atemwegserkrankungen mit Hustenattacken
Luftanhalten
Übermäßige Ansammlung von Gasblasen in der Lunge in der Dekompressionsphase
Für 30% der Taucher bestünde demgemäß theoretisch ein erhöhtes Risiko für einen Blasenübertritt in den Körperkreislauf, der wiederum einen Dekompressionsunfall oder aber stumme Langzeitschäden ohne akutes Unfallereignis nach sich ziehen kann.

 

Welches Risiko ergibt sich in der Praxis?

Verschiedene Untersuchungen und Fallberichte deuten auf ein leicht erhöhtes Risiko für Dekompressionsunfälle bei Tauchern mit einem offenen Foramen ovale hin. Auf der anderen Seite existieren Berichte über Taucher mit nachgewiesenen offenen Foramen ovale, die bei Hunderten von Tauchgängen und vielen Stunden in Sättigung nie einen Dekompressionsunfall erlitten haben.

Zur allgemeinen Beruhigung können diese Berichte jedoch nicht beitragen, denn auf Grund des derzeitigen Kenntnisstandes scheint ein leicht erhöhtes Risiko nicht auszuschließen zu sein, wobei sicherlich noch weitere Studien zur Untermauerung dieser Feststellung sowie zur Abschätzung des tatsächlich vorhandenen Risikos notwendig sind. Derzeitig kann sicherlich der Schwerpunkt des Risikopotentials auf das Tauchverhalten gesetzt werden. Eine aggressiveres Tauchverhalten - das heißt die Durchführung von Tauchgängen mit einer Tiefe von mehr als 30 m und/oder von dekostoppflichtigen Tauchgängen - kann als etwa dreimal so riskant eingestuft werden als ein konservativerer Tauchgang eines Tauchers mit einem offenen Foramen ovale.

 

Ein weiterer Aspekt wurde zuletzt durch eine Studie der Universität Heidelberg neu belebt.

Nachdem bereits 1995 eine Arbeitsgruppe der Universität Aachen ein vermehrtes Auftreten von Veränderungen des Gehirns in speziellen Schichtaufnahmen (sog. Magnetresonanz- oder Kernspintomographie) bei Sporttauchern im Vergleich zu nicht tauchenden Sportlern anderer Bereich zeigen konnte, wurde festgestellt, dass diese Veränderungen vermehrt bei Tauchern mit einem offenen Foramen ovale auftreten.

Hierbei handelt es sich um eine weitreichende Aussage, die jedoch dadurch limitiert wird, dass die Veränderungen lediglich bei drei (!) Sporttauchern mit einem offenen Foramen ovale dokumentiert wurden. Es soll hier in keinem Fall ein Gefahrenmoment heruntergespielt werden, denn auf Grund der o.g. Grundlagen besteht durchaus ein Risikopotential.

Weitere Studien mit größeren Untersuchungsgruppen müssen jedoch zur Bestätigung dieser Hypothese folgen. In einer früheren Studie konnte kein erhöhtes Auftreten dieser Veränderungen in Schichtaufnahmen bei Berufstauchern verglichen mit einer Gruppe von Nichttauchern gefunden werden. Unter Tauchmedizinern werden die vorliegenden Fakten derzeit mit großer Sorgfalt ausgewertet und diskutiert. Wer sich an einem (ungefährlichen) Projekt, das zur Klärung der Situation beiträgt, beteiligen möchte, kann sich für weitere Informationen jederzeit mit dem Autor dieses Artikels in Verbindung setzen.

 

Welche Konsequenzen ergeben sich für die Tauchpraxis?

Die nachfolgend genannten Empfehlungen sind teilweise wohlbekannt und bereits wiederholt ausgesprochen worden, erhalten aber im Hinblick auf die genannten Fakten eine besondere Bedeutung. Folgende Dinge sollten beachtet werden Es gilt: keine Blasen - kein Risiko, d.h. das Tauchen im Grenzbereich von Computer oder Tabelle erhöht neben der Stickstoffmenge im Körper auch die Anzahl möglicher Blasen und damit das Risiko. Darüber hinaus gilt: Je langsamer aufgestiegen wird, desto weniger Blasen bilden sich.

JoJo -Tauchgänge mit wechselnden Auf- und Abstiegen müssen vermieden werden, denn die bei jedem Aufstieg freiwerdenden Blasen, können beim Wiederabstieg das Foramen ovale oder gar den Lungenfilter passieren.

Verzicht auf das Valsalva - Preßmanöver zum Druckausgleich! Es sollte auf         eine andere Technik wie Schlucken oder Kieferbewegungen umgestiegen werden, extremes Pressen muss auf jeden Fall vermieden werden.

Diese Empfehlungen tragen zur Risikominimierung bei, wobei der ersten Empfehlung die zentrale Bedeutung zukommt, denn ein Tauchverhalten, das eine Blasenbildung von vornherein verhindert, macht jede weitere Überlegung überflüssig.

 

Welche Konsequenzen ergeben sich für taucherärztliche Vorsorgeuntersuchungen?

Das offene Foramen ovale kann mit verschiedenen Ultraschallmethoden nachgewiesen werden. Die Genauigkeit dieser Verfahren variiert erheblich und zur Zeit gehört keines zum Programm der G 31.

 

Auf Wunsch eines Tauchers sollte jedoch eine Untersuchung durchgeführt werden. Nach den derzeitigen Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Unterwasser - und Hyperbarmedizin (SGUHM) sollte jeder erfahrene Taucher, der nie einen anderweitig nicht erklärbaren Dekompressionsunfall erlitten hat, unter Beachtung der angeführten Regeln weitertauchen.

Bei unerklärbaren Dekompressionsunfällen wird eine Untersuchung notwendig.
Tauchanfänger mit einem großen Foramen ovale, das bereits bei Ruheatmung einen Durchlass erlaubt, sollten nicht tauchen.
Diejenigen Anfänger, bei denen sich das Foramen ovale erst bei forciertem Pressen öffnet, dürfen zwar tauchen, sollten aber die genannten Verhaltensregeln besonders intensiv beherzigen und das Tauchen am Limit der Nullzeiten vermeiden.

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Update by Roy Witkovsky

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