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Bundesmarine

U-Boot in Not

Wenn der Ernstfall geprobt wird

von Lorenz Krüger

 

Selbst bei dem heutigen Stand der Technik ist der Mensch nicht vor Unfällen sicher. Zur Verringerung von Gefahrensituationen ist es nötig, diese nachzustellen, um in späteren Unfallsituationen richtig handeln zu können. Je komplexer die Geräte, desto aufwendiger kann diese Aufgabe werden. Unterwasserausstiege aus U-Booten in Gefahrensituationen meistern zu können, ist Ziel der U-Bootrettungsausbildung in der Technischen Marineschule Lehrgruppe Schiffssicherung in Neustadt/ Holstein.

Die Rettung Schiffbrüchiger ist in heutiger Zeit durch viele technische Errungenschaften erfolgreicher geworden. Besonders aufwendig ist jedoch die Hilfeleistung für verunglückte U-Bootbesatzungen. Die Rettung der Besatzung eines gesunkenen U-Bootes liegt oft genug in der Hand der Überlebenden selbst, gilt es doch zunächst, das Boot unter Wasser zu verlassen. Heute verzichtet keine moderne Marinestreitmacht auf U-Boote. Jedoch haben nur wenige Länder eine Möglichkeit, den U-Bootnotausstieg sicher zu üben.

Die Notwendigkeit hierfür hat der Untergang des U-Bootes "Hai" der deutschen Marine in der Nordsee am 14. September 1966 unterstrichen: 19 U-Bootfahrer verloren ihr Leben. Damit sich derartige Vorfälle nicht wiederholen, ist unsere Marine seit über 20 Jahren vorbildlich ausgestattet: In Neustadt steht der weltweit tiefste und modernste Tauchturm - speziell für die U-Bootrettungsausbildung. In dem 42 Meter hohen Turm ragt ein Tieftauchtopf über zehn Stockwerke empor. Er hat einen Durchmesser von sieben und eine maximale Tiefe von 36 Metern.

Die Wassertemperatur von 32 °C mag zunächst als unnötig warm empfunden werden, ermöglicht den Ausbildern jedoch einen stundenlangen Aufenthalt ohne Unterkühlung. In seitlichen Luftfallen - den Blistern - haben die Ausbilder in Abständen von fünf bzw. zehn Metern die Möglichkeit zum Luftholen. In zehn und zwanzig Meter Wassertiefe befinden sich seitlich Ausstiegsschleusen; hierdurch können die U-Bootfahrer langsam an größere Tiefen gewöhnt werden. Am unteren Ende befindet sich die U-Bootsektion. Sie ist quasi Teil eines U-Bootes mit Akkuluk, Turm- und Zentralluk in 23° Schräglage. Die Maße des Druckkörperdurchmessers und der Luken entsprechen exakt denen der deutschen U-Boote, Klasse 206 A. Kein U-Bootfahrer darf an einer Tauchfahrt im U-Boot teilnehmen, der nicht vorher seine Ausbildung im Umgang mit dem URK 80 (U-Boot-Rettungskragen für bis zu 80 Meter Wassertiefe) erhalten hat. Zudem muss er diese Ausbildung alle zwei Jahre wiederholen.

Weitaus höhere Anforderungen werden an die Ausbilder gestellt. Eine ausgiebige Taucherausbildung ist für sie Voraussetzung. Während der Ausbildung im Tauchtopf benutzt keiner der Ausbilder ein Tauchgerät, da es hinderlich wäre, hiermit durch die U-Bootluken mit nur 65 cm Durchmesser zu tauchen. So ist eine Tauchermaske das einzige Hilfsmittel unter Wasser. Körperliche Fitness ist beim Apnoetauchen Voraussetzung, daher steht jede Woche zweimal Sport und ständiges Training auf dem Dienstplan.

Chef über die Ausbildungstruppe ist Korvettenkapitän Petermann, der als U-Bootfahrer die Ausbildung auf die Erfordernisse der Auszubildenden anpasst. Eine Scheu vor dem Wasser - wie sie viele andere Seeleute angeblich haben - kennt er jedoch nicht. So taucht er nicht nur während des Dienstes, sondern auch an den Wochenenden in seiner Freizeit.

Noch in diesem Jahr wird auf den deutschen U-Booten ein neues Rettungssystem eingeführt. Das Rettungsgerät nennt sich SPES (Submarine Personnel Escape Suit). Es besteht aus einem luftdichten Anzug mit einer großen Haube, die den Kopf wie ein Taucherhelm umgibt. Durch eine eingebaute Preßluftflasche wird ein Auftriebskörper aufgeblasen, der seine überschüssige Luft über die Haube abgibt . Ein ähnliches Gerät wird bereits seit vielen Jahren bei der britischen Marine verwendet. Beginnt die Ausbildung der U-Bootfahrer, muss jeder Handgriff sitzen. Bis dahin findet regelmäßig auch eine Ausbildung für die eigenen Ausbilder statt. In dem Tauchturm wird der Ausstieg mit diesem Gerät geübt.

Ein Ausbilder schlüpft in den Anzug und besteigt mit einem Kameraden die U-Bootsektion im Erdgeschoß. Um die U-Bootsektion durch die Luken verlassen zu können, muss zunächst der Druckausgleich hergestellt werden. So wird der U-Bootdruckkörper geflutet. Langsam steigt der Wasserspiegel. Vom Ausstiegsluk hängt eine Manschette hinab, die als Luftfalle dient. Das Wasser steht nun brusthoch - bis über die Unterkante der Manschette. Vom achten Stock, an der Wasseroberfläche, tauchen weitere Ausbilder ab, um den Aufstieg zu überwachen. Es zischt, der Wasserspiegel in der U-Bootsektion sinkt etwas, der Druckausgleich ist hergestellt. Von außen wird die Ausstiegsluke - in 30 Meter Wassertiefe - geöffnet. Der Ausbilder im Anzug atmet auf Kommando tief ein, sein Kamerad schließt die Haube und schiebt ihn unter die Manschette.

Die Luftblase in der Haube zieht ihn bis zum Bauch aus dem Turmluk. Hier wird er von drei Ausbildern empfangen. Zwei halten ihn fest, der andere hakt eine Rolle in die Führungsleine ein, so dass der Notaufstieg im Zentrum des Tauchtopfes gesichert ist. Auf ein Signal hin öffnet er selbst die Luftflasche an seinem Anzug. In rasender Geschwindigkeit schießt der orangerote Mann in Richtung Oberfläche. Aus den seitlichen Blistern tauchen weitere Ausbilder dem Aufsteigenden entgegen und überwachen dessen rasanten Aufstieg. Im achten Obergeschoß befindet sich der Wasserspiegel. Hier steht der Rest des eingeübten Ausbildungsteams bereit. Zwei Ausbilder erwarten den "Geretteten", ziehen ihn aus dem Wasser und stellen ihn für die Beobachtung durch Taucherärzte auf eine weiße Linie.

Die Notaufstiegsübung ist nicht ungefährlich. Während des gesamten Aufstieges muss ausgeatmet werden, da sich die Luft in der Lunge stark ausdehnt. Ein Fehler beim Aufstieg hätte mit Sicherheit einen Lungenriss zur Folge. Dieser ist in 90 Prozent aller Fälle schon nach einer Minute an Sensibilitäts- bzw. Gleichgewichtsstörungen erkennbar. Das freie dreiminütige Stehen auf der weißen Linie erleichtert daher die Diagnose.

Ein Taucherarzt und ein Taucherarztgehilfe überwachen jede Tauchübung. Für Notfälle ist eine Druckkammer zur sofortigen Behandlung bereit zum Einsatz. Währenddessen halten sich auf dem Grund des Tauchtopfes noch Ausbilder auf. Hier, in 30 Meter Tiefe, muss es jetzt schnell gehen, damit keiner der Ausbilder die Nullzeit überschreitet. Die Führungsleine wird entfernt und das Turmluk geschlossen. In einer Taucherglocke fahren zwei Ausbilder wie in einem Aufzug an die Oberfläche. Die anderen folgen langsam an einer seitlichen Führungsleine.

An diesem Tag läuft alles - wie üblich - ohne Zwischenfall ab. In einer Nachbesprechung wird noch einmal jedes Detail erörtert, damit bei Ausbildungsbeginn für die U-Bootfahrer mit dem neuen Rettungsgerät keine unerwarteten Probleme auftreten. Die Anlage ist ausschließlich für die U-Bootrettungsausbildung konzipiert.

Ausgebildet wurden hier nicht nur deutsche Seeleute, sondern auch viele U-Bootfahrer fremder Nationen - was weltweit zur Sicherheit unter dem Meeresspiegel beiträgt.


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